Wechselmodell – eine Feministische Errungenschaft

Gleichberechtigte Elternschaft - von Anfang an.

Als die Beziehung zum Vater meiner Söhne vor zehn Jahren in die Brüche ging, war für uns beide relativ schnell klar, dass wir uns weiter gemeinsam um unsere Kinder kümmern wollten. Schließlich hatten wir die Betreuung von Geburt an mehr oder weniger gleichberechtigt organisiert. Trotzdem war es nicht einfach das richtige Modell für uns zu finden – und das hatte vor allem emotionale Gründe.

Gleichberechtigt von Geburt an

Als unser erster Sohn geboren wurde steckten wir beide noch mitten im Medizinstudium. Ich blieb nur ein Semester zuhause, während der Papa Zwischenprüfung machte – im darauffolgenden Semester war’s genau umgedreht. Danach studierten wir beide weiter und managten nebenbei gemeinsam das noch unbetreute Kind. Ich war total happy über unseren progressiven Ansatz. Denn obwohl ich in einer Familie mit recht klassischer Rollenverteilung aufgewachsen bin, war für mich von Anfang an klar, dass ich kein bisschen mehr für Kinderbelange zuständig sein würde als der Papa.

Innerhalb der Beziehung verlief das nicht ganz spannungsfrei – wir mussten unbewusst dauernd mit den Rollenmustern kämpfen, die wir durch unsere Erziehung doch irgendwie mitbekommen hatten. So beäugte ich misstrauisch, wie er das mit dem Kind machte, total überzeugt davon, dass ich das natürlich eigentlich besser konnte. Er hingegen hatte vor allem mit der Außenwahrnehmung zu kämpfen, positiv wie negativ.

„Wenn wir beide gleich viel mit Kindern und Haushalt machen, heißt das, dass ich eigentlich mehr mache. Weil es von mir gesellschaftlich nicht erwartet wird!“ knallte er mir einmal an den Kopf. Auch unsere Familien betonten immer wieder wie außergewöhnlich das doch war, dass er sich „so kümmerte“.

Ich aber hatte für all das nur ein genervtes Augenrollen übrig. Es kam für die stolze Feministin in mir überhaupt nicht in Frage, meinem Partner explizit für etwas Anerkennung zu geben, was von mir ganz selbstverständlich erwartet wurde. Zwar kollidiert eine Babypause bei Frauen nicht so stark mit den gesellschaftlichen Erwartungen – wird aber trotzdem brutal quittiert: Mit weniger Förderung im Studium, dem schlechteren (Teilzeit-)Job und dem lebenslang geringeren Gehalt. Ich war überhaupt nicht bereit, auf einer Ebene zu diskutieren, die DAS als selbstverständlich hinnahm.

Nach der Trennung: Retraditionalisierungs-Alarm vom Feinsten

Vier Jahre später, in der Trennungsphase, sah mein Innenleben dann ganz anders aus. Plötzlich teilte ich sein Gefühl, dass ich doch eigentlich viel mehr zuständig war. Und dass die Kinder deshalb klar bei mir bleiben würden. Ich studierte ja noch und er war schon Arzt. Ich könne mir etwas mehr Zeit lassen mit dem Studium und er mir dafür Unterhalt bezahlen. Er könne sie jedes zweite Wochenende zu sich nehmen und jederzeit zu Besuch vorbeikommen, wenn er sie sehen wolle etc. Das wäre doch für alle das beste.

Japp, ihr habt richtig gehört: Ich rutschte total in traditionelles Denken, trotz meines radikal feministischen Ansatzes innerhalb der Beziehung. Schlimm! Woher kam das? Nun, ich denke es war einfach die krasse Panik davor, meine Kinder, die ja auch noch relativ kleine waren, hergeben zu müssen. Die Angst, wie es ihnen damit gehen würde. Aber auch meine eigene Angst: Würden wir uns entfremden? Was sollte ich ohne sie anstellen, ganz auf mich allein zurückgeworfen.

Glücklicherweise ließ der Papa mir diesen Rückfall aber überhaupt nicht durchgehen. Er bestand darauf, dass wir die Kinder abwechselnd betreuen. Es gebe da dieses Wechselmodell, hätte er drüber gelesen, und er wolle das so haben – 50:50. Keine Ausnahmen. Nicht eine Minute mehr bei mir. Damit ich mich nicht eine Minute mehr zuständig fühlen konnte als er.

Wie es mir damit ging? Nun, erstmal natürlich gar nicht gut. Aber ich verstand schnell, dass er genau die gleichen Ängste hatte, wie ich. Und dass deshalb sein Anspruch nicht nur verständlich, sondern auch total fair war. Wenn ich außerdem in die Kinder-Perspektive ging, war klar, dass ein so radikaler Cut mit dem Vater nicht in ihrem Sinne war: Sie hatten eine enge und innige Beziehung zu ihm – genau wie zu mir, was ja auch meinem konsequenten Einfordern gleichberechtigter Betreuung seit Geburt entsprungen war.

Ihnen da die Kontinuität zu nehmen wäre maximal egoistisch gewesen. Allerdings egoistisch auf eine sehr kurzsichtige Art und Weise – denn langsam dämmerte es auch mir, was dieses Wechselmodell für mich bedeuten konnte. Nämlich: Freiheit, tatsächliche Gleichberechtigung. Nun würde es keine nervigen Diskussionen mehr geben, über Abwasch, Haushalt, und wessen Seminar oder Klausur am nächsten Tag wichtiger war. Ich hatte ab sofort einfach ganz konsequent die halbe Woche Zeit, mich mit meinen Themen zu beschäftigen. Und die restliche Woche intensive Zeit mit meinen Kindern. Was mir erst bedrohlich vorkam, entpuppte sich dann als ein feministischer Move, den ich bis heute feiere!

Feminismus und Elternschaft: Nur gemeinsam lösbar

Mein Erleben in dieser Zeit öffnete mir die Augen dafür, dass gleichberechtigte Elternschaft nicht nur Agenda der Frau ist – sondern eine gemeinsame Anstrengung BEIDER Eltern. 

Eigentlich ist das ja logisch, wird aber dennoch im Diskurs häufig vernachlässigt. Das Spotlight ist zu oft auf den Müttern und wie sie sich zu verhalten hätten, um gleichberechtigte Elternschaft „durchzusetzen“. Väter werden eher im Nebensatz erwähnt – das ist aber kurzsichtig und blendet aus, dass es nicht nur im Sinne der Frauen ist, sondern eben auch erstrebenswert für den Papa, der dadurch eine viel engere Bindung und Beziehung zum Kind aufbauen kann

Zum Glück erkennen viele Papas heute diesen Wert und wünschen sich sehr, sich gleichberechtigt einbringen zu können. Damit haben wir gute Voraussetzungen, den Kampf zwischen Feminismus und Mutterschaft endlich aufzulösen.  

Simone de Beauvoir, für viele nach wie vor DIE feministische Ikone des letzten Jahrhunderts, riet ja explizit von der Mutterschaft ab, bezeichnete sie als „Falle des Patriarchats“. Damals konnten Frauen eben noch überhaupt nicht darauf zählen, dass sie Unterstützung von ihren Männern bekamen. Mutterschaft war gleichbedeutend mit Aufgabe des eigenen Lebens, die Frau existierte quasi nicht mehr als individuelles Wesen. 

Heute muss Mutterschaft eben nicht mehr mit dem Verlust unserer Selbstbestimmtheit einhergehen, das kostet allerdings einiges an Anstrengung. Denn wir Mamas müssen ja auch bereit sein, ehrlich Verantwortung abzugeben. Und ja: Aufgrund unserer Erziehung und unseren Rollenvorbildern ist das manchmal verdammt hart.

Doch nicht nur unsere Erziehung erschwert uns hier den Weg in die gleichberechtigte Elternschaft – es gibt auch immer wieder neue Erziehungstrends, die dem tendenziell entgegenwirken. Momentan wird die bedürfnisorientierte Elternschaft heiß diskutiert, in deren Maximalausprägung die Mutter als die „natürliche“ Bedürfniserfüllerin des Kindes definiert und damit jahrelang zur unersetzbaren Hauptverantwortlichen gemacht wird. Kein Wunder, dass die Philosophin Elisabeth Badinter, die sich als geistige Schwester Simone de Beauvoirs sieht, in diesem Modell eine große Gefahr für den Feminismus sieht. Und nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, Menschen zu verurteilen, die sich frei entscheiden, ein solcher Modell zu leben. Problematisch wird es erst, wenn darüber eine Druck aufgebaut wird, der andere Frauen in ihrer Entscheidungsfreiheit einengt.

Ihm Übrigen entlarvt auch die Forschung den Mythos von der Mutter als „natürlicher“ primärer Bindungsperson als unzutreffend: primäre Bindung der Kinder ist nicht angeboren, sondern erlernt, wird also erst nach der Geburt aufgebaut. Und zwar potenziell auch zu mehreren Personen – zu Mama und Papa, zu Oma oder zu den Adoptiveltern oder wer auch immer sich des Kindes liebend annimmt.

Sich davon rational zu lösen ist das eine, aber da sind ja noch die Emotionen, die sich viel schwerer bewältigen lassen. Ich verstehe jede Frau, die in Bezug auf ihre Mutterrolle verunsichert ist. Die von Ängsten getrieben ist, dass sie vielleicht DOCH dem Kind schaden könnte, wenn sie zu viel Verantwortung abgibt. Und die dementsprechend in der Trennungssituation reflexhaft ähnlich reagiert wie ich. Und hier brauchen wir die Papas. Sie müssen als starke Gegenpole da sein, die uns dabei helfen, nicht in die Falle zu tappen. Indem sie selbstbewusst und stark ihre gleichberechtigte Rolle im Leben des Kindes einfordern. 

Wechselmodell für alle!

Das Wechselmodell nach der Trennung ist für mich die Maximalausprägung gleichberechtigter Elternschaft. Simone de Beauvoir würde hart abfeiern, wenn sie das sehen könnte! Und ich wage die Hypothese, dass es auch zusammenlebenden Eltern gut tun würde, wenn sie das Prinzip Wechselmodell radikal von Beginn an leben würden – eine klare Aufgabenverteilung birgt deutlich mehr Stabilität als das ständige Ausgehandele. Vielleicht könnte so gar die ein oder andere Trennung verhindert werden. Das ist jetzt schon sehr spekulativ. Aber ein schöner Gedanke, dem ich mich gerne hingebe. 

Quellen: 

Badinter, Elisabeth (2010). Der Konflikt: Die Frau und die Mutter (2. Auflage)., C.H.Beck

Lamb, M.E. & Lewis C. (2010). The development and significance of father-child relationships in two-parent families. In M.E. Lamb (Hg.), The role of the father in child development (S. 94-153). New York, USA: Wiley. 

Habib, C. & Lancaster, S. (2010). Changes in identity and paternal-foetal attachment across a first pregnancy. Journal of reproductive and infant psychology, 28(2), 128-142. Https://doi.org/10.180/02646830903298723

Gettler LT, Kuo PX, Bechayda SA. Fatherhood and psychobiology in the Philippines: Perspectives on joint profiles and longitudinal changes of fathers‘ estradiol and testosterone. Am J Hum Biol. 2018 Nov;30(6):e23150. doi: 10.1002/ajhb.23150. Epub 2018 Sep 24. PMID: 30251281.

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