Zerrissene Seelen? Vom Kindeswohl im Wechselmodell

Ein Kind braucht beide Eltern!

„WAAAS, IHR MACHT DAS WECHSELMODELL???“ las ich neulich in einem Kommentar unter einem Instagram-Beitrag, in dem die Postende von ihrer Kinderwoche und einem emotional schwierigen Wechsel berichtete. Den entsetzten Emoji mit den aufgerissenen Augen denken wir uns an dieser Stelle einfach dazu, gerne auch in dreifacher Ausführung.

Das brachte mich ins Grübeln – als wir vor zehn Jahren nach der Trennung mit dem Wechselmodell starteten, gab es Reaktionen wie diese zuhauf. Ich weiß nicht wie oft ich mich rechtfertigen musste, vor anderen und ein bisschen auch vor mir selbst. Aber, hey, zehn Jahre sind vergangen. Weitere Paare trennten sich in meinem Umfeld, fast ausnahmslos entschieden sie sich auch fürs Wechselmodell. Glaubt man den Statistiken, die allerdings gefühlt noch etwas im Dunkeln tappen, sind es deutschlandweit mittlerweile etwa 20% der getrennten Eltern, Tendenz steigend. Die Zahlen müssten also mittlerweile weit in die Hunderttausende gehen.

Wieso also ist das Wechselmodell nach wie vor so wenig sichtbar in der Gesellschaft? Wieso ruft es immer noch Entsetzen hervor, wenn man sich dafür entscheidet? Und gibt es eventuell sogar berechtigte Gründe für dieses Entsetzen?

Ein Kind braucht EIN Zuhause!?

Häufig wird das Kindswohl ins Feld geführt, wenn es um das Thema geht. Landläufige Meinung: Ein Kind braucht EIN Zuhause, ein Kind braucht EINE Bezugsperson, ein Kind braucht EIN Bett, EINEN Schulweg. Kinder würden zerrissen, wenn sie zwischen zwei Wohnungen hin und her ziehen müssen, vor dem inneren Auge formieren sich hier traurige Bilder, man stellt sich dramatische Abschiedsszenen vor, weinende Eltern, verwirrte Kinder.

Und, ganz ehrlich. Natürlich gibt es das, gerade in der Anfangsphase, wenn alle noch unter dem Trennungsschock stehen. Haben sich alle Beteiligten erstmal daran gewöhnt, sieht es allerdings meist deutlich unaufgeregter aus. Da schauen die Kinder dann morgens auf den Wechselkalender und sehen das Papa-Bild und packen noch schnell das Lieblingskuscheltier in den Ranzen, bevor sie Mama nochmal fest drücken und „Bis Mittwoch“ rufen und davonspazieren.

Der zweite Aspekt nach „Das Kind braucht EIN Zuhause“ ist dann zumeist, dass „Das Kind zur Mutter gehört“ – ist ja klar! Diesen Rückfall in traditionelle Rollenmuster mit einer Trennung finde ich besorgniserregend: Innerhalb von Beziehungen versuchen ja immer mehr Paare, genau diese Rollenmuster aufzuweichen – mehr oder weniger erfolgreich. Die wenigsten Mütter identifizieren sich heute noch mit der reinen Hausfrau- und Mutterrolle, genau wie die wenigsten Väter sich als reine Versorger sehen. Und das ist doch eigentlich gut so! Aber all diese Bemühungen werden mit der Trennung noch viel zu oft über Bord geworfen: Da soll Mama dann wieder vollverantwortlich für den Alltag mit den Kindern sein und ihr Arbeitsleben selbstverständlich daran anpassen, während Papa zum Unterhaltszahler degradiert wird, der alle zwei Wochen was Spaßiges mit den Kids unternimmt, irgendwas mit Pizza, Eis und anderen Vergnüglichkeiten.

Aber, warum soll der gleichberechtigte Ansatz sich eigentlich mit der Trennung in Wohlgefallen auflösen? Warum soll auf einmal ein Elternteil, der vorher eine zentrale Rolle im Leben der Kinder gespielt hat, aus ihrem Alltag verschwinden? Warum reden wir nicht viel mehr über das traumatische Erleben der Kinder, das mit diesem Verlust einhergeht?

Interessanterweise klafft da auch eine Riesenlücke zwischen der öffentlichen Meinung sowie der Erfahrung von Praktizierenden. Man hat den Eindruck, dass das Thema Ängste schürt, so bedrohlich wirkt, dass ein offener Diskurs gar nicht gewünscht ist. Weil es einige tiefsitzende Grundüberzeugungen in Frage stellt. Wirft man einen Blick in die Wissenschaft wird aber ganz schnell ersichtlich, dass die Sorgen in Bezug auf das Wechselmodell größtenteils unbegründet sind.

Kinder im Wechselmodell sind zufriedener als Kinder im Residenzmodell

Eine große Anzahl an Studien – vor allem aus Skandinavien und den USA – hat in den letzten Jahren gezeigt, dass es Kindern, die im Wechselmodell betreut werden, BESSER geht, als Kindern, die im Residenzmodell betreut werden – und zwar, wenn sie mindestens 35% ihrer Zeit mit beiden Elternteilen verbringen (4).

Sie empfinden weniger Stress und fühlen sich zufriedener (2,6) . Das kommt uns Erwachsenen vielleicht erstmal komisch vor, die meisten von uns würden es ja als unfassbar stressig empfinden, zwei Wohnungen bewohnen zu müssen. Unser eigenes Empfinden hier komplett auf die Kinder zu übertragen, wird aber der Komplexität der Situation nicht gerecht: Die Alternative zum Wechseln ist für Trennungskinder der Quasi-Verlust eines Elternteils, was in deren Bewertung der Situation sicher mit eine Rolle spielt.

Zum anderen liegt im Wechseln, sobald sich alle Seiten daran gewöhnt haben auch eine Stabilität. Die Kinder werden ja nicht willkürlich herumgereicht, sie wechseln in einem festen Turnus zwischen zwei Wohnungen, in denen sie sich im Idealfall gleichermaßen zuhause fühlen. Der beim letzten Mal gebaute Turm steht noch, die Zahnbürste ist an ihrem Platz. Kinder akzeptieren das ziemlich schnell als ihre neue Normalität. Und überzeugen manchmal auch allein mit ihrer Selbstverständlichkeit ihre Eltern vom Funktionieren des Wechselmodells, wie Mareike Milde auf ihrem Blog Wechselmama.de berichtet:

Weil nämlich der Hauptakteur des ganzen Umstands mit an Herz gehendem Selbstverständnis sein Lebensmodell als etwas vollkommen natürliches ansieht und dieses nach außen und innen auch lebt, als wäre er nicht das einzige Wechselkind in einer Kita mit 160 Kindern. Er fühlt sich nicht als Einzelfall unter den Normalen. Weil er sich garnicht erst zum Einzelfall macht.

Mareike Milde, warum das Wechselmodell funktionieren kann

Und, nicht zu vergessen: Im Residenzmodell wechseln die Kinder ja auch – sie verbringen klassischerweise jedes zweite Wochenende beim „Besuchselternteil“. Hier steckt der Unterschied schon im Namen: Beim Besuchselternteil sind die Kinder definiert NICHT zuhause, sondern lediglich zu Besuch. Und das scheint mit mehr Stress behaftet zu sein, als der regelmäßigere Wechsel zwischen zwei Orten, an denen sich die Kinder ganz und gar zuhause fühlen können.

Kinder im Wechselmodell zeigen weniger psychische Auffälligkeiten, als Kinder im Residenzmodell

Stress wirkt sich nicht nur auf das Wohlbefinden aus, sondern auch auf die seelische Gesundheit. Psychische und psychosomatische Erkrankungen, wie Neurodermitis, Asthma, Depressionen und Angststörungen können die Folge von erhöhter Stressbelastung sein, und schon früh in der Kindheit auftreten.

Ich weiß gar nicht, wie oft ich mich in Gesprächen mit besorgten Menschen auseinandergesetzt habe, die sich ziemlich sicher waren, dass das, was wir „da mit den Kindern machen” definitiv seelische Störungen hervorrufen MUSS – teils mit dramatischen Umschreibungen, in denen die Seele nicht nur belastet, sondern gleich „zerrissen“ wird. Natürlich macht man sich da so seine Gedanken und hofft und bangt, dass es den Kindern tatsächlich so gut geht, wie es scheint. Als dann der Große in der Grundschule anfing Fingernägel zu kauen, bin ich fast ausgeflippt vor Panik und schlechtem Gewissen. Aber dann fiel mir ein: Das hab ich sich auch gemacht, obwohl ich in einem ziemlich „intakten“ Elternhaus aufgewachsen bin.

Tatsächlich haben Wechselmodell-Kinder eher mit psychosomatischen Erkrankungen zu tun, als Kinder, die mit beiden Eltern zusammenleben. Am häufigsten treten psychische Auffälligkeiten aber bei Kindern auf, die mit nur einem Elternteil zusammenleben (1). Ein interessanter Nebenbefund: Kinder im Residenzmodell, die aber noch Kontakt zum anderen Elternteil haben, schnitten besser ab, als Kinder, die den Kontakt zu einem Elternteil völlig verloren haben.

Es scheint also, als sei die mit beiden Eltern verbrachte Zeit ausschlaggebend für das seelische Wohlbefinden. Und es scheint, als sei das Wechselmodell diesbezüglich das geringste Übel, also unter all den „schlechteren“ Optionen nach der Trennung fürs Kind die Beste.

Kinder brauchen beide Eltern – auch wenn diese streiten

Besonders überrascht hat mich die Erkenntnis, dass auch ein hohe Konfliktpotential keinen negativen Einfluss auf die oben genannten Studienergebnisse zu haben scheint (4). Das ist vor allem deshalb spannend, weil schlimme Konflikte zwischen Eltern heute noch häufig als Ausschlusskriterium fürs Wechselmodell genannt werden.

Dazu sei aber gesagt, dass es Kindern von Eltern mit hohem Konfliktpotential unabhängig vom Betreuungsmodell nicht gut geht – also egal, ob sie mit beiden Eltern zusammen wohnen, im Wechselmodell betreut werden, oder nur mit einem Elternteil im klassischen Residenzmodell leben. Konflikte zwischen den Eltern brechen sich immer Bahn, egal wie oft sie miteinander zu tun haben. Selbst bei völliger Abwesenheit können Eltern mit abfälligen Äußerungen über den anderen Elternteil bei Kindern einen schweren Loyalitätskonflikt auslösen.

Die Studien sagen also nicht aus, dass Konflikte für Kinder nicht schlimm sind – sie deuten nur in die Richtung, dass die enge Bindung und Beziehung zu beiden Elternteilen wichtiger zu sein scheint, als die Vermeidung von Konflikten. Diese Erkenntnisse werfen ein völlig neues Licht auf die relativ neue Entwicklung, dass Gerichte in Deutschland beginnen, das Wechselmodell auch gegen den Willen eines Elternteils anzuordnen.

Achtung: Gilt natürlich nicht für alle!

In der Interpretation dieser Studienergebnisse muss man sich natürlich klar machen, dass keine Kausalität hergestellt werden kann, weder in die eine, noch in die andere Richtung. Wenn also gesagt wird, „Kindern, die mit beiden Eltern zusammenleben geht es im Schnitt besser, als Kindern von getrennten Eltern“ dann ist das eine Durchschnittsbetrachtung und heißt nicht, dass es ALLEN Kindern besser geht. Außerdem kann man nicht sagen, dass es ihnen besser geht WEIL die Eltern noch zusammen in einem Haushalt leben und dass die beste Lösung deshalb wäre, dass alle Eltern einfach immer zusammen bleiben.

Denn es trennen sich natürlich am ehesten die Eltern, deren Beziehung so kaputt ist, dass es für sie keine vorstellbare gemeinsame Lösung mehr gibt. Die es quasi nicht mehr miteinander aushalten. Mein Bauchgefühl sagt mit, dass es Kindern in einer solchen Konstellation schlechter geht, als in einem Wechselmodell, in dem die Kommunikation gut funktioniert und die Eltern respektvoll miteinander umgehen.

Genauso ist es nun eben auch mit dem Vergleich zwischen dem Wechsel- und dem Residenzmodell: Wir können nicht sagen, dass es den Kindern besser geht WEIL sie im Wechselmodell betreut werden, denn auch hier kommt die Elternbeziehung mit ins Spiel: Das Wechselmodell setzt eine minimale Bereitschaft der Eltern voraus, weiterhin miteinander zu kooperieren, so dass bisher die völlig zerstrittenen Elternpaare sich eher nicht dafür entschieden haben. Nicht umsonst gibt es außerdem Bedingungen, die fürs Funktionieren des Wechselmodells absolut erfüllt sein müssen. Ist das nicht der Fall, wird es den Kindern wohl im Residenzmodell besser gehen.

Die hier zitierten Studien bieten also kein Patentrezept, sondern bloß eine Orientierung. Aber diese sollte dringend viel mehr in die Betrachtung und Bewertung individueller Situationen von Trennungsfamilien mit einfließen.

Vermisst: Öffentliche Debatte dieser Forschungsergebnisse!

Leider finden diese Erkenntnisse jedoch kaum oder nur unzureichend ihren Weg in die Öffentlichkeit Auch bei Entscheidungsträger*innen in Politik und Rechtssprechung herrscht ein eklatanter Mangel an validen Informationen und/oder eine fehlende Bereitschaft diese Informationen in Entscheidungen zu berücksichtigen (3)

Hildegund Sünderhauf , die sich als Professorin für Familienrecht und Expertin für das Wechselmodell einen Namen gemacht hat, beklagt die desolate Situation an deutschen Beratungsstellen und Gerichten (6):

In Gerichten, wie auch in Beratungsstellen, hängt es von der persönlichen Überzeugung der professionellen Person, der man begegnet, ab, ob er/sie „pro“ oder „contra“ Wechselmodell ist und häufig ist diese Überzeugung eher von eigenen Familienerfahrungen geprägt, als von wissenschaftlich fundierten, fachlichen Erwägungen. Es darf aber in einem Rechtsstaat weder vom Zufall abhängen, wie Eltern beraten werden und wie Entscheidungsträger über Kinderbetreuung denken, noch dürfen individuelle Erlebnisse aus dem Privatleben der Entscheidungspersonen den Ausschlag geben.

Hildegard Sünderhauf, „Praxisratger Wechselmodell“

Hier ist also viel Aufklärungsarbeit nötig – getrennte Elternschaft muss sichtbarer werden. Und der Diskurs darüber deutlich unaufgeregter.

Wechselmodell: Problem der Eltern oder Problem der Kinder?

Nach 10 Jahren im Wechselmodell, mit vielen Hochs und Tiefs würde ich persönlich sagen: Probleme mit der Wechselei sind meist NICHT Probleme der Kinder, sondern Probleme der Eltern. Und das ist ja auch völlig verständlich: Wir Erwachsenen könnten meist gut damit leben, Ex-Partner*innen ganz aus unserem Leben zu verbannen und nicht, wie es im Wechselmodell nötig ist, weiterhin eng mit ihnen kooperieren. Aber damit haben wir hauptsächlich unser eigenes Interesse im Blick, nicht das unserer Kinder. Denn die hören ja nicht auf, den anderen Elternteil zu lieben und zu brauchen, nur weil sich die Beziehung zwischen den Erwachsenen geändert hat.

Ich zitiere nochmal Mareike Milde, die wunderschöne Worte dafür findet:

Vielleicht sollten wir mehr auf unsere Kinder schauen, die die Wirklichkeit oft so ungerührt wahrhaftig sehen, wie sie nunmal ist. Die keine politisch geschönte Version der Realität brauchen, um sich selbst Mut zuzusprechen oder gegen das schlechte Gewissen anzureden. Vielleicht sollten wir Erwachsenen die Dinge öfters einfach annehmen wie sie nunmal einfach sind, ohne diesen ganzen Rechtfertigungswahnsinn.

Mareike Milde, Warum das Wechselmodell funktionieren kann

In diesem Sinne, lasst euch nicht von Kommentaren und entsetzten Blicken und diffusen Meinungen verunsichern, liebe Wechselfamilien. Es sieht so aus, als ob ihr eine ziemlich gute Entscheidung für eure Kinder getroffen habt.

Quellen

  1. Bergström M, Fransson E, Modin B, et al. Fifty moves a year: is there an association between joint physical custody and psychosomatic problems in children?J Epidemiol Community Health 2015;69:769-774.

2. Bergström, M., Modin, B., Fransson, E. et al. (2013) Living in two homes-a Swedish national survey of wellbeing in 12 and 15 year olds with joint physical custody. BMC Public Health 13, 868

3. Busse, J. (2018) The debate on shared parenting in Germany, Politikon – The IAPSS Journal of Political Science (Vol 36).

4. Nielsen, L. (2014) Shared Physical Custody: Summary of 40 Studies on Outcomes for Children. Journal of Divorce & Remarriage, 55:8, 613-635

5. Sanford L. Braver & Michael E. Lamb (2018) Shared Parenting After Parental Separation: The Views of 12 Experts, Journal of Divorce & Remarriage, 59:5, 372-387

6. Sünderhauf, Hildegard (2020). Praxisratgeber Wechselmodell: Wie Getrennterziehen im Alltag funktionieren kann, Springer Fachmedien Wiesbaden.

7. Turunen, J. (2016). Shared Physical Custody and Children’s Experience of Stress. Stockholm Research Reports in Demography 2016: 08

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