6 Tipps wie du lernst, dich mit dem Wechselmodell zu arrangieren

Zeit alleine ist wertvoll - betrachten wir sie als diese!

Trennungen sind hart. Trennungen mit Kindern härter. Trennung VON Kindern unbeschreiblich schmerzhaft.

Und, wie eine Trennung von deinem Kind kann sich das Wechselmodell am Anfang anfühlen – es dauert eine Weile, bis du merkst, dass du dich nicht von deinem Kind trennst, nur weil es die halbe Woche woanders schläft – genauso wenig, wie du dich von deinem Kind trennst, wenn du es jeden Tag in die Kita gibst. Es dauert, bis du merkst, dass sich das Verhältnis zu deinem Kind nicht verschlechtert, oder distanziert – sondern im besten Fall sogar intensiviert.

Diesen ersten Schmerz, diese erste Verunsicherung kann dir niemand nehmen, ich schon gar nicht. Aber ich möchte versuchen, dir ein paar Tipps an die Hand zu geben, wie du für dich mit der Situation umgehen kannst.

Wenn ihr euch für das Wechselmodell entschieden habt – oder euch das Wechselmodell verordnet wurde – habt ihr sehr wahrscheinlich Voraussetzungen, die es ermöglichen, dass sich euer Kind bei euch beiden wohl und geborgen fühlen kann. Wie schön! Du musst dir also keine Sorgen um das Wohlergehen deines Kindes machen.

Was aber bleibt, ist die ungewohnte, schmerzhafte Situation des Alleinseins, wenn dein Kind bei seinem Co-Elternteil ist. Du hast auf einmal zwei völlig unterschiedliche Leben: Die halbe Woche bist du allein verantwortlich für dein Kind, die halbe Woche bist du ganz allein mit dir selbst. Du hast auf einmal – gefühlt – unendlich viel Zeit zur freien Gestaltung.

Das kann massiv überfordern, ich weiß wovon ich spreche:

Bei der ersten Trennung nahm ich’s tatsächlich noch relativ gelassen. – ich war jung, steckte noch voll im Studium und keiner meiner Freund*innen hatte schon Kinder. Ich war viel unterwegs, nutzte die Zeit um mich auszutoben und ein paar kreative Projekte zu verwirklichen, die ich aufgrund meiner jungen Mutterschaft nie hatte angehen können.

Bei der zweiten Trennung war es dann schlimmer. Da dominierten Versagensgefühle und Trauer. Ich war nun eine Mutter von drei Kindern, die die Hälfte der Woche alleine in ihrer Wohnung saß.

In dieser Situation hat mir der Fokus auf einige Aspekte meines Lebens sehr geholfen, meine neugewonnene Freiheit gut zu nutzen. Diese will ich gerne mit dir teilen.

Wie schon erwähnt geht es hier darum, wie DU lernen kannst, mit dem Wechselmodell umzugehen, unter der Voraussetzung, dass du dir keine Sorgen um das Wohlergehen deines Kindes machen musst. Sollte das anders sein, und du hast Sorge, dass es deinem Kind schlecht geht, wenn es nicht bei dir ist, dann sind diese Tipps nichts für dich dann würde ich dir tatsächlich raten, dir professionelle Beratung und Hilfe zu suchen.

1. Routine, Routine, Routine

Dass Routinen im Alltag wichtig sind für dein Wohlbefinden, für die Produktivität und Kreativität, ist nichts Neues. Ich weiß nicht, wie viele Podcast-Folgen und YouTube-Videos und Blogartikel mir in den letzten Wochen vorgeschlagen wurden, in denen die jeweilige Autorin ihre Morgenroutine vorstellt, meist bestehend aus Meditation, Yoga, Tagebuch schreiben, einer Tasse Kaffee und irgendeinem teuren Öl, das sie sich im Anschluss ins Gesicht schmiert.

Morgenroutinen mit Kindern sehen natürlich anders aus, das brauche ich dir nicht zu erzählen. Diese Routine war nun eine ganze Weile lang deine Welt und du hast dich entsprechend daran gewöhnt. Und nun wird dein Leben auf den Kopf gestellt und du musst dich plötzlich damit arrangieren, zwei völlig unterschiedliche Lebensrealitäten miteinander zu vereinen.

Auf einmal hast du keine Kinderfüße im Gesicht, wenn dein Wecker klingelt, tatsächlich klingelt der Wecker nichtmal, denn du musst es ja nicht zum Morgenkreis in den Kindergarten schaffen. Du musst beim Frühstück keine Müslischlacht kämpfen, nicht dein Kind überreden, sich schneller anzuziehen, während du selbst versuchst, dir deine Augenringe wegzukühlen, um bei der Arbeit nicht wie ein Mensch auszusehen, der die halbe Nacht wach lag (Stichwort Kinderfüße).

Bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich damit umgehen konnte – am Anfang wusste ich morgens überhaupt nichts mit mir anzufangen, schwankte zwischen Hochgefühlen („Juchhuu, ich kann einfach SCHLAFEN“) und Depressionen („So viel kann doch kein Mensch schlafen..“). Irgendwann pegelte es sich dann ein. Der Wecker wurde wieder gestellt – auf eine Stunde später. Und ich lernte, mir ein bisschen Zeit für mich zu gönnen, bevor ich mit der Arbeit loslegte. Ich erspare dir die Einzelheiten meiner Routine, sie deckt sich weitestgehend mit den oben erwähnten – nur das teure Öl lass ich weg.

Und nun habe ich eben ZWEI Routinen, an die ich mich auch versuche möglichst strikt zu halten – das hilft mir sehr, bei mir zu bleiben und meine zwei Leben zu integrieren. Und ein schöner Nebenaspakt: aus der Alleine-Routine schöpfe ich ganz viel Kraft für die Kindertage. Und von einer entspannten Mama profitieren dann auch die Kinder.

2. Konzentrier dich auf deine Arbeit

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch heute noch ein kritisches Thema in Deutschland. Im Residenzmodell, also als klassisch Alleinerziehende*r verschärft sich die Problematik, was dazu führt, dass Alleinerziehende heute immer noch die Gruppe sind, die am ehesten von Altersarmut betroffen ist. Keine Frage, dass das für eine reiches Land wie Deutschland, das sich dem „Schutz der Familie“ verpflichtet sieht, skandalös ist. Allerdings liegt hier ja auch ein Bild von Familie zugrunde, das Mitte des letzten Jahrhunderts aktuell war, und das Allein- und Getrennterziehende praktisch ausschließt.

Jedenfalls hast du im Wechselmodell einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Residenzmodell – Zeit, ungestört zu arbeiten. Ich kenne tatsächlich viele Frauen, für die der Beginn des Wechselmodells einen Karriere-Boost ausgelöst hat. Die sogar sagen, dass sie sich nun viel besser auf ihre Arbeit konzentrieren können als vor der Trennung, obwohl der Beziehung eigentlich die Vereinbarung zugrunde lag, dass beide Elternteile gleichberechtigt arbeiten und sich ebenso gleichberechtigt um Familienbelange kümmern. Irgendwie gibt es eben diesen Automatismus, dass viele Frauen sich heute immer noch „mehr verantwortlich“ fühlen, und demnach eher karrieretechnisch zurückstecken, der Familie zuliebe.

Aber jetzt hast du ja zwei Leben: Und in dem einen bist du einfach nicht mehr zuständig. Überhaupt nicht mehr.

Also: Fang an, bau an deiner Karriere, starte eine Umschulung, mach Fortbildungen, beginne, dich strategisch mit deiner finanziellen Situation zu beschäftigen – halt Ausschau nach Arbeitgeber*innen, die dich in deiner Situation unterstützen, die dich an kinderfreien Tagen länger arbeiten, dafür an Kindertagen früher Schluss machen lassen. Oder gründe selbst… Freu dich über die Möglichkeiten, die sich hier eröffnen.

Falls du dafür noch ein bisschen Inspiration brauchst, kann ich sehr empfehlen, dass du dich mal bei Madame Moneypenny umschaust, die sich dem Thema finanzielle Freiheit für Frauen verschrieben hat (falls du keine Frau bist: Ist trotzdem spannend!).

Auch dies, finanzielle Freiheit und eine erfüllende Arbeit, wird sich in Form deiner Zufriedenheit positiv auf deine Kinder auswirken und ist deshalb alles andere als egoistisch!

3. Fang ein neues Hobby an – oder lass ein altes wieder aufleben

Kreative Selbstverwirklichung steht ja in den ersten Jahren mit Kindern nicht gerade an erster Stelle. Und, seien wir mal ehrlich, viele Dinge, die wir in der Zeit VOR den Kindern gerne gemacht haben und die uns gut getan haben, kommen in der Zeit mit Kindern viel zu kurz – oder wir geben sie sogar ganz auf. Keine Frage, wir alle machen das gerne für unsere Kinder. Aber ein bisschen schade ist es trotzdem.

Und dann gewöhnt man sich superschnell an den Trott, vergisst, was einem eigentlich alles mal wichtig war. Oder was man richtig gut konnte. Oder, was man schon immer mal ausprobieren wollte.

Nun, mit deinem neuen Doppelleben hast du die Gelegenheit, diese Dinge wieder aufzunehmen – oder neu zu starten. Das kostet eine Portion Mut und Selbstüberwindung, denn man rostet mit den Jahren ja auch ein bisschen ein. Aber, lass dich bloß nicht davon verunsichern, oder dir einreden, dass man bestimmte Dinge in einem bestimmten Alter nicht mehr macht oder kann oder startet.

Modern Dance Class mit lauter Anfang Zwanzigjährigen? I did it – und es war super! Klavierunterricht? Jupp! Leinwände gekauft und mit Acrylfarbe vollgeschmiert? Jupp. Fußball bei den alten Herren? Hab ich persönlich nicht probiert, aber eine Freund von mir. Okay, ihm hat’s im ersten Spiel das Kreuzband zerfetzt – aber das ist eine absolute Ausnahme, versprochen!

Und das schöne ist: Du wirst nicht nur eine Menge Spaß und Selbstvertrauen gewinnen, sondern auch unter Menschen sein, was unfassbar wichtig für das Wohlbefinden ist.

Und, du wirst es erraten: All die positiven Gefühle, die du hier stimulierst wirken sich wieder auf dein Kind aus. Und du hast deinem Kind was zu erzählen, kannst es mit deinen Erlebnissen inspirieren, selbst neues auszuprobieren.

Ich weiß, Anfangs fragt man sich, ob es für das Kind vielleicht total doof sein könnte, wenn man ohne es diese Dinge erlebt, aber das Gegenteil ist der Fall: Du ersparst deinem Kind einen Haufen Schuldgefühle, die es ertragen müsste, wenn es wüsste, du sitzt zuhause rum und bist traurig, wenn es nicht da ist.

4. Nutz die kinderfreien Wochenenden für kleine Trips in die Umgebung

Mal ein Wochenende wandern gehen? Einfach nur mit einem kleinen Rucksack, ohne Windeln und Kinderspielzeug und Ersatz-Matsch-Ausrüstung? Eventuell nach der Wanderung noch in die Sauna anstatt auf den übervollen Indoor-Spielplatz? Ein Städtetrip nach Paris und dich mal tagelang durch Museen treiben lassen? Ein Yoga-Retreat am Meer … es gibt unendlich viele tolle Dinge, die du jetzt an deinen kinderfreien Wochenenden planen kannst.

Diese neue Freiheit war für mich tatsächlich am prägendsten. Ich empfinde meine kinderfreien Wochenenden auch heute noch als Luxus – und genau so zelebriere ich sie. Und, ich weiß ich wiederhole mich: Ich schöpfe daraus Kraft und Ruhe für die Zeit mit den Kindern.

5. Pflege Freundschaften

Auch Freundschaften kommen mit Kleinkindern leider oft viel zu kurz und beschränken sich meist auf die Freund*innen, die zufällig gerade Kinder im gleichen Alter haben. Es ist ähnlich wie mit den Hobbys: Man vergisst ja sogar teilweise, wen man mal alles kannte und was man alles tolles zusammen erlebt hat, und wie wichtig bestimmte Personen einem mal irgendwann waren.

Jetzt hast du Zeit, Versäumtes nachzuholen. Mal wieder ausgiebig quatschen oder um die Häuser ziehen. Nach Leuten suchen, die in einer ähnlichen Situation sind oder waren und mit denen du dich austauschen kannst. Und natürlich: Mal wieder so lange tanzen bis es draußen hell wird und dann den ganzen Tag schlafen.

6. Gutes tun

Schlussendlich kannst du deine neugewonnene Freizeit auch nutzen, um Menschen zu unterstützen, denen es vielleicht gerade nicht so gut geht. Sei es die Freundin, deren Vater gerade verstorben ist, Kinder, die nicht das Glück eines geborgenen Elternhauses haben, oder Geflüchtete, die damit kämpfen, in deiner Stadt anzukommen.

Falls du dich jetzt wunderst, dass dieser Punkt trotz seiner Relevanz an letzter Stelle steht, möchte ich dir sagen, dass ich das ganz bewusst gemacht habe. Altruismus, also selbstloses, uneigennütziges Handeln, macht uns zwar glücklich, setzt allerdings auch eine gewisse innere Stabilität voraus. Sich aus einer Extremsituation wie der eigenen Trennung heraus in altruistische Projekte zu stürzen sehe ich deshalb etwas kritisch – allerdings ist das sicher auch typabhängig, vielleicht ist es ja für dich genau das richtige.

Zusätzlich hast du nun auch Zeit, mal ein paar andere Weltverbesserer-Dinge auszuprobieren: Mal ein halbes Jahr plastikfrei leben zum Beispiel, oder nur noch vegetarisch kochen, oder Autofahrten reduzieren, was auch immer.

Auch hier kannst du wieder Dinge lernen, die nicht nur dich, sondern auch dein Familienleben bereichern werden. Und deine Kinder inspirieren werden ebenso gutes zu tun. Und verdammt stolz auf dich zu sein.

Zitronen zum Schluss

Letztendlich liegt es an dir, wie du dich in deinem neuen Leben arrangierst. Ich wünsche dir beim Ausprobieren viel Kraft, Mut und Ausdauer. Und im besten Fall eine verdammt gute Zeit!

Denn wie sagt man so schön:

Wenn dir das Lebe Zitronen gibt, bestell Dir nen Hummer!

In dem Sinne alles Liebe,

Deine Silja

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