„Free access“ oder Wechselmodell auf jugendlich

Teenies machen mehr ihr Ding - auch im Wechselmodell

Neulich Mittwoch nachmittags, zu Beginn der Mama-Woche, begann ich mich irgendwann am späten Nachmittag zu wundern, dass der Große der zwei Teenie-Brüder noch nicht da war. Ich fragte den Kleineren, der bereits im Zimmer saß und am Handy daddelte:

„Wo ist denn dein Bruder?“

„Bei Papa glaub ich“

„Und wann kommt er her?

„Diese Woche gar nicht mehr, hat er gesagt.“

Wie bitte? Hab ich richtig gehört? „Diese Woche gar nicht mehr?“ „Ja“.

Währenddessen sah er übrigens kein einziges Mal vom Handy auf. Er fand das anscheinend nicht mal sonderlich schlimm oder außergewöhnlich. Kurz überlegte ich, ob ich mich jetzt aufregen sollte, entschied mich aber dagegen. Denn eigentlich freute ich mich tierisch über den Ausbruch von selbstverständlicher Freiheit, die sich hier zu manifestieren begann. Nicht nur hatte der Große selbst entschieden, wo er sich aufhalten wollte, er fand das offensichtlich auch nicht mal mitteilenswert. Wir sind übrigens über diverse Chat-Apps miteinander verbunden, Informationsübermittlung zwischen uns ist daher maximal unkompliziert.

Hast du auch schon größere Kinder? Dann kennst du das bestimmt: Ab einem gewissen Alter fangen alle an, einem einzureden, dass jetzt bald die Pubertät losgeht, und dann alles UNFASSBAR anstrengend wird. Dass du dann einfach ein paar Jahre lang von deinem Kind total schlecht und undankbar behandelt wirst. Und dass du dir für diese schreckliche Zeit ein dickes Fell anlegen musst, Augen zu und durch und so. So mit zwanzig werden sie ja dann zum Glück wieder „normal“. Bei mir ging das Gerede vor etwa drei Jahren los, der Große wird bald 14. Es ist aber gar nichts viel anstrengender geworden. Und langsam fange ich an, die Geschichte von der schlimmen Pubertät in Zweifel zu ziehen.

Also klar, er gibt immer öfter mal ne pampige Antwort. Die auch deutlich pampiger klingt, seit seine Stimme tiefer geworden ist. Er ist insgesamt eher lustlos – wenn ich ihn frage, ob er hier oder dorthin mitkommen möchte, lacht er mich meistens aus. Manchmal gibt es kleine Geschirrstapel im Zimmer, obwohl ich ihn bitte, immer gleich wieder alles zurück in die Küche zu bringen. Es stört ihn nicht, wenn eine zentimeterdicke Staubschicht auf seinem Schreibtisch liegt (nur die Playstation, die ist immer super sauber).

Schule nervt, Eltern nerven…

…weil sie bescheuerte Regeln machen und sich dauernd einmischen, nicht anklopfen wenn sie ins Zimmer kommen und so weiter. Und: ich verstehe das! Er will halt immer mehr frei sein. Will mehr nach seinen eigenen Regeln leben als nach meinen. Das ist für uns Eltern sicher manchmal emotional schwer zu bewältigen – aber sind die Kinder deshalb jetzt UNFASSBAR anstrengend? Oder ist es einfach nur unsere eigene Unentspanntheit in Bezug auf den normalen Prozess des Ablösens?

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich wäre die ganze Zeit total entspannt – natürlich nervt mich die Unordnung, das Regel-Missachten, die ständige Playstation-Zockerei. Natürlich verletzt mich das demonstrative Augenrollen, wenn ich gemeinsame Familienzeit vorschlage. Also, ja, ich bin manchmal genervt. Aber genauso oft bin ich auch total erleichtert, dass sie sich nun immer selbstständiger durch ihre Welt bewegen, vor allem in unserer Situation.

Mit Wechselkindern ist die Kita- und Grundschulzeit ja davon geprägt, dass man Sachen hin und herträgt, die in der einen Wohnung liegen, aber in der anderen gebraucht werden. Die ganze Zeit, endlose Dauerschleife. „Mama, ich hab das Mathebuch bei dir liegenlassen“, „Hier fehlt ein Schienbeinschoner und gleich ist Training“, „Ich brauche heute Abend noch deine Unterschrift auf diesem Zettel“. Und natürlich willst du nicht, dass deine Kinder in der Schule/beim Training/bei Freunden als die armen Trennungskinder dastehen, deren Eltern es nicht gebacken kriegen, ihnen ihre Sachen ordentlich zu packen. Und die deshalb Schwerstverletzungen am ungeschützten Schienbein riskieren müssen!

Joa, und dann hast du diesen einen Schienbeinschoner im Fahrradkorb und radelst zum vierten Mal die Woche zur Papa-Wohnung und fragst dich: Wieso kaufen wir eigentlich nicht einfach noch ein verdammtes Paar Schienbeinschoner?

Und dann die Situationen, in denen der Jungspapa unangekündigt in meiner Wohnung stand, weil er mit den Jungs verabredet hatte, noch schnell dies oder jenes vorbeizubringen. Völlige Grenzüberschreitung, Eindringen in mein neues Familienleben, aber immer entschuldigt mit „Sie brauchen das dringend“ und „Hier wohnen meine Kinder, ich kann hier ja wohl rein“.

JEDENFALLS werden diese unfassbar nervigen Situationen immer weniger: Die Kerle sind ja nicht nur freiheitsliebender, sie beginnen auch sowas wie Eigenverantwortung zu zeigen und vorausschauend zu planen. Sie wissen nun selbst wo der Schienbeinschoner oder das Mathebuch liegen und: sie organisieren den Transport selbst. Ganz regelmäßig rufen sie mich an Mama-Tagen an, um mir Bescheid zu geben, dass sie erstmal zu Papa gefahren seien, um die Fußballschuhe einzusammeln und dann nach dem Training zum Abendessen bei mir eintrudeln. Daran hatten wir uns schon alle gewöhnt.

Wechselmodell auf jugendlich

Aber, was der Große nun anstieß hatte eine neue Qualität und ich spüre, dass wir damit in eine neue Phase eintreten: Den „Free Access“, wie tatsächlich auch in offizieller Sprache ein Wechselmodell bezeichnet wird, in dem die Kinder selbstständig entscheiden, wann sie sich in welcher Wohnung aufhalten. Das erfordert von uns Eltern ein völlig neues Maß an Flexibilität – die Zeiten, in denen man einen gemütlichen kinderfreien Abend planen konnte, sind damit vorbei, jederzeit kann sich der Schlüssel im Schloss drehen und ein „Hallo Mama, isses okay wenn ich heute hier schlafe?“ ertönen. Rhetorische Frage übrigens. Dafür bringen sie dann aber auch den Müll runter. Oder kochen leckeren Nudelauflauf nach Rezept irgendeines YouTube-Stars, den sie total gut finden. Wir sind jetzt halt eher eine WG. Und sie sind ziemlich lässige Mitbewohner!

Letztens beim Abendessen lachten sie sich kaputt über eine Geschichte, die der Große von einem Klassenkameraden erzählte:

„Hannes‘ Papa ist letztens extra früher von der Arbeit heimgekommen, um Hannes eine FREUDE zu machen!!“

Sie lachten tatsächlich Tränen über diesen vermeintlichen Dad-Fail. Mensch, wir müssen uns einfach damit abfinden, dass wir Eltern an der Oberfläche nicht mehr die Relevanz haben, die wir uns vielleicht wünschen. Aber: wir sind immer noch das Fundament, auf dem sich diese neue Freiheit Bahn brechen kann.

Freuen wir uns darüber!

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