Mom-Guilt: 6 Gedanken, die mir helfen, wenn mich die Schuldgefühle packen

...wenn man an den eigenen Ansprüchen zerbricht...

Vor einiger Zeit bekam ich die Möglichkeit, beruflich für zehn Tage nach New York zu reisen. Das war nicht nur karrieretechnisch eine spannende Sache, sondern reizte mich auch privat sehr: Ich liebe Jazz, ich liebe Kunst, und beides ist in dieser Stadt im Überfluss vorhanden. Ich überlegte deshalb nicht zweimal, sondern sagte sofort zu, arrangierte die Kinderbetreuungstage mit den Wechselpapas und machte mich auf die Reise.

Die Tage waren insgesamt ein voller Erfolg, bis ich am vorletzten Tag eine kurze Whatsapp-Nachricht von Papa Nr. 2 bekam: „Kind hatte eine riesige Zecke am Kopf. Haben sie in der Klinik entfernen lassen. Ihr geht’s gut.“. Dazu ein Bild vom Hinterkopf meiner Tochter, in dem die größte Zecke steckte, die ich in meinem Leben je an einem Menschen gesehen habe.

Schlagartig wurde ich von Schuldgefühlen gepackt und unkontrolliertes Gedankenrasen setzte ein (ihr wisst bestimmt, was ich meine). Mein Kind war im Krankenhaus und ich war Tausende Kilometer entfernt. Sie muss schreckliche Angst gehabt haben. Wie hatte ich sie allein lassen können? War das nicht völlig leichtsinnig, als Mutter so weit weg zu fliegen? Hatte es wirklich sein müssen? Okay, es war eine berufliche Reise, aber ich hatte ja trotzdem total viel Spaß mit Jazzclubs und (völlig überteuerten) Cocktails und exklusiver Kunst und und und. Hatte ich mein Kind DAFÜR im Stich gelassen? Wie konnte das überhaupt passieren? Die Zecke muss mindestens eine Woche lang am Hinterkopf gehangen sein, so riesig wie sie war. Ich weiß doch, dass der Papa sie nie kämmt. Ich hätte sie gekämmt und die Zecke viel früher entdeckt (natürlich!!). Dann wäre sie jetzt nicht der Gefahr einer Borreliose ausgesetzt. Wenn sie die Borreliose bekommt ist ja klar, wer Schuld ist: ICH! Ist ja auch klar, wer Schuld ist, wenn sie durch die Behandlung im Krankenhaus traumatisiert ist: ICH!

Autsch. Bestes Beispiel für den sogenannten „Mom-Guilt“ – übersetzt die „Mutter-Schuld“. Also dieses ständig nagende Gefühl, als Mutter zu versagen und dem Kind dauerhaft zu schaden, trotz massiven Bemühens, es besonders gut zu machen. Was in der Müttergeneration vor uns noch sehr wenig verbreitet war, greift heute pandemisch um sich. Wir jungen Mütter scheitern an unserem eigenen Anspruch und an dem, den wir von der Gesellschaft auf uns projiziert sehen.

Dabei machen wir ziemlich viel ziemlich super. Ich habe deshalb dem Mom-Guilt den Kampf angesagt. Das ist leichter gesagt als getan: die Stimme aus dem Unterbewusstsein ist immer noch ganz regelmäßig da – aber sie bekommt mittlerweile kräftig Gegenwind aus den bewussteren Hirnarealen. Die Gedanken, die mir dabei am meisten helfen, möchte ich gerne hier mit dir teilen:

  1. Das Urmutter-Vorbild: Mach dir bewusst, wer oder was dein Bild von Mutterschaft geprägt hat. Häufig wurzeln solch tiefe Überzeugungen in der frühen Kindheit: Die eigene Mutter erscheint uns sehr lange als scheinbar perfekter, unhinterfragbarer Mensch. Das ist ja auch schön, aber frag dich mal aus der Erwachsenenperspektive: Hat deine Mama alles richtig gemacht? Natürlich nicht, sie ist ja auch nur ein Mensch! Sie hat es so gut gemacht wie sie konnte und dafür hat sie deine aufrichtige Liebe und Dankbarkeit verdient. Außerdem kannst du die Voraussetzungen damals und heute nicht vergleichen, weshalb ein direkter Vergleich sowieso unmöglich ist. Du bist in einer einzigartigen Situation, die du mit niemandes Situation vergleichen kannst. Und du machst das beste daraus, da bin ich mir ganz ganz sicher!
  2. Das alltägliche Mütter-Rauschen: Schalte mal die ganzen „perfekten“ Mamas bei Instagram auf stumm – die gefährliche Filterwirkung der sozialen Medien wurde oft genug thematisiert. Schau doch lieber mal, ob du Mamis findest, die EHRLICH aus ihrem Familienalltag berichten oder im Allgemeinen Imperfektion thematisieren. Unter dem Hashtag Momfail gibt es z.B. viele, oft ziemlich lustige Posts. Und die feinfühligsten Illustrationen dazu hat meiner Meinung nach Paula Kuka (common_wild). Du wirst deine eigene Imperfektion viel besser annehmen können, wenn du siehst, wie andere sie offen, humor- und liebevoll thematisieren.
  3. Wenn es dir gut geht, geht es deinen Kindern gut: Mach dir klar, dass das Wohlbefinden deiner Familie wesentlich von deinem eigenen Wohlbefinden abhängt. Du brauchst Zeit für dich, um aufzutanken und wieder Energie für deine Kinder zu haben. Du brauchst eigene Erfahrungen, um deine Kinder zu inspirieren – du bist ja schließlich kein Versorgungsroboter, sondern ein Mensch, von dem deine Kinder ganz viel lernen können und sollen. Du bist auch ein Vorbild für dein Kind in Bezug auf das Erwachsensein. Bestimmt möchtest du, dass sich dein Kind ganz selbstverständlich sein Leben lang mit Selbstfürsorge und Verwirklichung des eigenen Potentials beschäftigt, oder? Dann musst du ihm genau das vorleben.
  4. Dein Beruf ist wichtig! Zum Thema Beruf müssen wir eigentlich gar nichts sagen: Du verdienst mit deiner Arbeit Geld für die Familie. Punkt. BITTE habe niemals ein schlechtes Gewissen dafür, deiner Arbeit nachzugehen. Und BITTE habe niemals ein schlechtes Gewissen dafür, dass dir deine Arbeit Spaß macht und du ehrgeizig bist. Du bist auch diesbezüglich für deine Kinder das erste und damit stärkste Vorbild: Kinder jeden Geschlechts profitieren davon, starke Frauen in der Berufswelt selbstverständlich zu finden.
  5. Deine Trennung hatte gute Gründe. Für getrennte Mamis kommt noch ein weiterer Schuldaspekt hinzu: die Trennung. Vor allem wenn du diejenige warst, die die Trennung vollzogen hat (oder die treibende Kraft dahinter war). Diese Dauerschuld von der zerstörten Familie ist besonders brutal und tiefsitzend, da sie von der Gesellschaft immer noch stark befeuert wird. Es ist jedoch definitiv nicht so, dass das Aufwachsen in einer „klassischen“ Familie automatisch besser ist, als das Aufwachsen mit getrennten Eltern – oder in jeglicher anderer vorstellbarer Konstellation. Mach dir immer wieder klar, warum es zur Trennung kam. Egal was es war – den Leidensdruck, den du in der Beziehung gespürt hast, hat dein Kind genauso gespürt. Ob es dauernde Streits waren, oder Teilnahmslosigkeit oder sogar Gewalt. Deine Beziehung prägt das Beziehungsbild deiner Kinder. Mit deiner Trennung hast du deinem Kind einen starken und mutigen Beweis dafür geliefert, dass man niemals gezwungen ist, in einer unglücklichen Beziehung zu verharren. Wer möchte nicht, dass das eigene Kind das internalisiert.
  6. Der Papa ist genau so zuständig wie du. Im Wechselmodell teilt ihr euch Rechte und Pflichten paritätisch, das habt ihr gemeinsam so beschlossen. Trotzdem erlebe ich immer wieder Frauen (mich selbst immer mal wieder eingeschlossen), die sich „mehr zuständig“ fühlen – hier kommt wahrscheinlich wieder das Ur-Muttervorbild ins Spiel, denn in der Generation, die uns großgezogen hat, war es ja noch ganz selbstverständlich, dass die Mama Familienangelegenheiten regelt und der Papa dabei eher „hilft“ oder „unterstützt“. Aber: Wollen wir das heute noch? Oder ist es nicht eine tolle Errungenschaft, dass wir Partner (bzw. Ex-Partner) haben, die bereit sind, sich gleichberechtigt einzubringen? Lasst es uns genießen, Mädels. Denn damit gewinnen wir ein ganz großes Stück Freiheit und Flexibilität zurück, die wir in Punkt 3 und 4 investieren können.

Hast du noch mehr Ideen, was man dem Mom-Guilt entgegensetzen kann? Teil sie mit uns!

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